Systemische Selbstreflexion

Selbstreflexion in der systemischen Therapieweiterbildung
von Dr. Kurt Ludewig

Das Problem
Die Auseinandersetzung um die Frage, ob Psychotherapeuten als Bestandteil ihrer beruflichen Weiterbildung Selbsterfahrung benötigen, gibt es meines Wissens spätestens seit Beginn der modernen Psychotherapie gegen Ende des letzten Jahrhunderts. Von da an lässt sich feststellen, dass die einzelnen Therapieschulen, je nachdem, ob sie erfahrungs- und affektbetont oder eher verhaltens- bzw. interaktionsorientiert sind, unterschiedliche Einstellungen zur Frage der Selbsterfahrung entwickelt haben. Am deutlichsten manifestiert sich das Interesse daran bei den sog. psycho- und familiendynamischen Ansätzen. Dort vertritt man die Auffassung, dass es zur Vorbereitung auf den Beruf des Psychotherapeuten unerlässlich sei, sich eigenen Therapien bzw. Lehrtherapien zu unterziehen. Alles andere, etwa die Vermittlung theoretischer Kenntnisse oder von Techniken, hat eine eher sekundäre Bedeutung. Im Gegensatz dazu liegt bei den behavioral-kognitivistischen Ansätzen die Betonung auf der Vermittlung therapeutischer Strategien und Techniken, wohingegen der Aspekt der Selbsterfahrung lange Zeit eher gering geschätzt wurde. Erst in jüngster Zeit und im Zusammenhang mit der Anerkennung dieser Methoden als kassenärztliches Richtlinienverfahren beugte man sich den institutionellen Vorgaben und begann, eine verhaltenstherapeutisch orientierte Selbsterfahrung zu erfinden und zu praktizieren (vgl. z.B. BRUCH u. HOFFMANN 1996).

Artikel als PDF herunter laden

(Erstveröffentlichung 1998, wieder veröffentlicht 2011)

 

Thesen zur Selbsterfahrung im Rahmen der system-therapeutischen Weiterbildung
von Tom Levold

Generell lässt sich in der Entwicklung der systemischen Therapie eine kritische Einschätzung der Selbsterfahrung gegenüber beobachten. Eine historische Wurzel mag die Abgrenzung gegenüber der Psychoanalyse sein, deren Tendenz zu einer immer längeren Lehranalyse längst auch innerhalb der Psychoanalyse kritisch bewertet wird. Darüber hinaus standen lange Methodenbezug und Erkenntnistheorie im Vordergrund systemischer Ausbildungsgänge, Selbsterfahrung wurde als wenig relevant für den outcome von Therapien erachtet. Besonders zu Beginn der systemischen Entwicklung lag der Schwerpunkt auf der Interaktionsperspektive - im Gegensatz zur Perspektive individueller Verarbeitung von Systemerfahrungen. Erst durch die konstruktivistische Wende wurde die individuelle Perspektive wieder sichtbar. Auf der DAF-Tagung 1992 in Köln fand zwischen Befürwortern und Kritikern eine kontroverse Plenardiskussion über den Nutzen von Selbsterfahrung statt, die Kritik mit dem Tenor (etwa K. Ludewig): Selbsterfahrung ist gleich Lebenserfahrung, man kann sich nicht nicht erfahren, muss das aber auch nicht systematisieren.

Artikel als PDF herunter laden

(Erstveröffentlichung 1998, wieder veröffentlicht 2011)

 

Gehen ist der Weg.
Selbsterfahrung in der systemischen Ausbildung
von Haja (Johann Jakob) Molter

Zwei kleine Geschichten vorweg. John Cage hat eine Komposition: 4`33`` für Klavier geschrieben, die wie folgt aufgeführt wird. Ein Pianist setzt sich an einen Flügel, der in einem Saal, im Freien, sogar auf der Straße oder sonst wo aufgestellt sein kann. Der Pianist im Frack mit Schwalbenschwanz öffnet den Flügel, setzt eine Stoppuhr in Gang, legt die Hände auf seine Knie und rührt buchstäblich keinen Finger und klappt nach 4 Minuten und 33 Sekunden den Deckel des Instrumentes zu. Das Stück ereignet sich in der Musik, die nicht gespielt wird, den Umweltgeräuschen und den möglichen Protestrufen der Zuhörer.

Lynn Hershman, eine New Yorker Künstlerin, hat im Jahre 1998 eine interaktive Installation in Karlsruhe vorgestellt: Der Besucher wird zum Beobachter seiner selbst, indem er beim Betreten eines Raumes langsam sein eigenes Bild entstehen sieht. Ein möglicher Höhepunkt ereignet sich in einer Installation, wo auf dem Bildschirm ein Mann mit einem Maschinengewehr bewaffnet auf Personen schießt, in der Gruppe von Personen taucht das Bild des Besuchers auf und das Bild des Mannes mit dem Maschinengewehr verwandelt sich gleichzeitig in das Bild des Besuchers: Opfer werden zu Tätern, diese zu Opfern.

Artikel als PDF herunter laden

(Erstveröffentlichung 1998, wieder veröffentlicht 2011)

 

Selbstreflexion - in der Diskussion.
Ein Bericht von der SG-Veranstaltung am 21.11.1998

von Stephan Baerwolff

Im Anschluss an die drei Vorträge fand eine etwa 90 Minuten dauernde Diskussion im Plenum statt. Im Folgenden möchte ich einige Diskussionsbeiträge nachzeichnen. Das Ergebnis sagt natürlich (leider) mehr über mich als über die „tatsächliche“ Diskussion aus. Sollten sich DiskussionsteilnehmerInnen von mir gänzlich missverstanden fühlen, täte mir dies leid. Wäre mein Unvermögen aber der Anlass zu einer erläuternden Gegendarstellung, so wäre ich ausserordentlich froh und könnte meine Unfähigkeit gar nachträglich als „kreatives Missverstehen“ (im Sinne de Shazers) verkaufen. Denn Aufgabe dieses Heftes soll es ja sein, die einzelnen Mitgliedsinstitute anzuregen, ihr Verständnis von und ihren Umgang mit Selbstreflexion in der Weiterbildung darzustellen. Diese Stellungnahmen könnten dann ebenfalls zusammengefasst publiziert werden.

Als Beobachter, der das erste Mal an einer Versammlung der SG teilnahm, fiel mir an der Gesprächsatmosphäre sehr angenehm auf, dass die DiskussionsteilnehmerInnen aufeinander bezogen und - trotz teilweise großer inhaltlicher Unterschiede - sehr wertschätzend miteinander umgingen. Auch das Profilierungs-Monster (sonst anderenorts Dauergast bei vielen Diskussionen) schien kaum einen Einfluss auf die Diskutierenden auszuüben (nach Externali-sierung gezähmt, utilisiert, vertrieben oder ...?). Als relativ Außenstehender empfand ich den teilweise freundschaftlich-vertrauten Umgang vieler SG-Vertreter miteinander als gutes emotionales „Bindemittel“ für diese kontroverse und inhaltsreiche Diskussion.

Artikel als PDF herunter laden

(Erstveröffentlichung 1998, wieder veröffentlicht 2011)

« zurück zur Übersicht

© webdesign berlin by decobe