(Selbst-)Erfahrungsgemäß Ansichtssache: Der Stellenwert der Selbstreflexion in der systemischen Weiterbildung

SELBST, ERFAHRUNG, SYSTEMISCHE THERAPIE
von Dr. Kurt Ludewig

Gegen Ende der 70er Jahre äußerte sich Mara Selvini "salomonisch" zur Frage der Selbsterfahrung für Therapeuten (vgl. Interview mit Klaus Deissler im Kontext 1, 1979). Sie hätte nun ihre Lehrjahre auf der Couch verbracht und könnte daher nicht beurteilen, wie ihre Therapien ohne diese Vorerfahrung ausfallen würden. Mir ging es gewissermaßen ähnlich. Nach allem, was ich ein Jahrzehnt lang aus dem Angebot des Psycho-Markts probiert hatte, war ich außerstande zu entscheiden, was ich ohne diese Erfahrungen für ein Familientherapeut geworden wäre. Ich legte diese Frage beiseite. Später wurde ich aber Lehrer von werdenden Therapeuten und sollte nun dazu Stellung beziehen. Als Lehrer habe ich nämlich sehr junge, unvoreingenommene Kollegen-Schüler erlebt, die versehen mit einem unverfälschten Talent im Umgang mit Menschen und Ideen, beeindruckend hilfreich sind, und andere, in der Tat therapeutisch und sonst (Selbst-)Erfahrene, die, wie von einem inneren Zwang getrieben, sich immer wieder selbst in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellen und das Anliegen ihrer Kunden fast als Zumutung empfinden. Außer banal festzustellen, dass es auch im therapeutischen Milieu Menschen gibt, die geeigneter als andere sind, bleibt also zu klären, ob und welche Voraussetzungen an werdende Therapeuten gestellt werden sollten, die sowohl den Begabten als auch den weniger Begabten in ihrem Wirken als Therapeuten gerecht werden. Diese Diskussion scheint, führt man sich die Curricula der einzelnen Schulen vor Augen, alles andere als abgeschlossen zu sein. Die Frage z.B. einer programmatischen Selbsterfahrung ist nach wie vor aktuell.

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(Erstveröffentlichung 1990, wieder veröffentlicht 2011)

 

Warum systemische Weiterbildung 'Selbsterfahrung' nicht meiden sollte
von Stephan Baerwolff

Während des Abschlussblocks einer Weiterbildungsgruppe am ISS möchte eine Teilnehmerin eine andere ansprechen, bemerkt dann aber: “Ach, ich weiß Deinen Namen gar nicht mehr." In einer Diskussion über "Selbsterfahrung" greift kurz darauf eine weitere Teilnehmerin dieses Ereignis auf, um damit ihre Auffassung zu illustrieren, in der Weiterbildung habe eine relativ unpersönliche Atmosphäre geherrscht.


Kurt Ludewig hat in seinem Artikel "Selbst, Erfahrung, Systemische Therapie" die gängige Form der Selbsterfahrung (SE) in Therapie-Ausbildungen, wie ich finde zu Recht, kritisiert. Dennoch möchte ich bezweifeln, ob dies notwendigerweise bedeutet, dass es zwischen der jetzt am ISS praktizierten Form der Weiterbildung und der heimlichen Erziehung in anderen Therapie-Ausbildungen keinen Raum gibt, in dem die Reflexion persönlicher Erfahrungen möglich wäre (ohne gleich die Anpassung an eine normierte Therapeutenpersönlichkeit zu betreiben).

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(Erstveröffentlichung 1990, wieder veröffentlicht 2011)

 

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