Mitglied oder Person?

Person, Selbst, Mitgliedschaft - zur Konzeptualisierung des Gegenüber in der systemischen Therapie
von Tom Levold

Lieber Kurt, Liebe Rosi, liebe Freunde und Kollegen,
als ich vom ISS eingeladen wurde, zum heutigen Tage ausgerechnet ein paar grundsätzliche theoretische Aspekte beizutragen, habe ich mich sehr gefreut. Der Versuch, systemische Therapie durch ihre Einbettung in konstruktivistische und systemtheoretische Ansätze theoretisch zu fundieren, ist ja eines der erklärten Anliegen von Kurt Ludewig seit den frühen 80er Jahren gewesen, als sich die Systemische Therapie aus dem Kontext der Familientherapie emanzipiert hat. Und ich weiß zu schätzen, dass mit dieser Einladung auch die Vorstellung verbunden ist, dass ich selbst zu diesem Unterfangen etwas beisteuern könnte. Mit Kurt hat mich in dieser ganzen Zeit immer wieder die Debatte über unterschiedliche Fragen systemischer Theorie und Praxis verbunden, auch wenn wir dabei nicht immer einer Meinung waren. Deshalb fühle ich mich geehrt, heute hier sein zu dürfen.

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(Erstveröffentlichung 2008, wieder veröffentlicht 2011)

Mitglied oder Person
von Kurt Ludewig

Tom Levold formulierte 2008 im Rahmen eines Vortrags in Hamburg eine interessante Kritik an meinem Konzept des Mitglieds (vgl. Levold 2008). Da gut begründete Kritik im systemtherapeutischen Feld eher die Ausnahme ist, erscheint es mir angebracht, diesen Aufsatz zu nutzen, um die hier vertretenen Thesen weiter zu beleuchten. Laut Levold sei das Mitgliedkonzept eng mit dem Konzept des Problemsystems verbunden; es biete der klinischen Theorie eine Möglichkeit, die “personale Dimension” in interaktionellen Systemen aufzugreifen. Die Schwäche des Konzepts liege jedoch darin, dass es offen lasse, wie die Vielfalt von Mitgliedschaften, die ein Mensch im Verlauf seines Lebens verkörpere, sich zu “Lebensnarrativen” verdichten, und wie Überdauerndes wie Identität, Dauerhaftigkeit, Gedächtnis und Struktur entstehen kann. Diese Aufgabe können die situativ vorkommenden und vergehenden Mitglieder nicht leisten, der “Mensch” als solcher wohl auch nicht. Levold zieht es daher vor, anstelle der von mir vorgeschlagenen Differenz Mensch/Mitglied eine von Mensch und Person zu verwenden. Es liege ihm daran zu erkunden, ob die Person - als soziologisches und nicht als psychologisches Konstrukt - geeigneter als das Mitglied sei, um das Gegenüber in der systemischen Therapie zu konzeptualisieren.

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(ausführliche Besprechung in Heft 3/2011 der Familiendynamik in seinem Artikel „Psychische Systeme – ein nützliches Konzept für die systemische Praxis?“)

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